Der neue Thriller von Max Stiller führt sie in die dunkelsten Tiefen der menschlichen Seele

Er hat die Macht ... Die Macht zu töten und er nutzt sie auf eine perfide und zugleich geniale Art. Er tötet immer auf unterschiedliche Art und Weise. Es gibt kein Muster. Es gibt augenscheinlich kein Motiv. Seine Macht schützt ihn vor allem. Jacob Fuller und Anne von Feldhaus stehen vor einem Rätsel. Sie haben die Lösung vor Augen, aber sie sehen sie nicht. Letztendlich sieht sich Jacob Fuller gezwungen eine mehr als eigenwillige Maßnahme zu ergreifen, bei der er seinen Job beim BKA und das Leben der jungen Lisa aufs Spiel setzt. Anne von Feldhaus ist entsetzt, denn sie weiß, wer Lisa wirklich ist ... 

München, 14. Februar 2019 ... Disco P1 ... 01:50 Uhr                             

 

Der Himmel war in dieser Nacht wolkenlos und der Vollmond überzog den Englischen Garten mit einem fast schon gespenstischen graubläulichen Licht. Es war kalt. Bitterkalt, aber Caro nahm die Kälte nicht wahr. Ihre viel zu dünne Jacke, die sie über einen dicken Wollpullover gezogen hatte, war nicht der Grund dafür. Es war das Adrenalin, das für Hitze in ihrem Körper sorgte. Trotz der Kälte schwitzte sie. Entgegen aller Vernunft und entgegen der Absprache hatte sie Ulli, ihre beste Freundin, nun doch eingeweiht. Sie würde es sonst nicht schaffen, hatte sie sich eingeredet. Und wahrscheinlich wäre es auch so gewesen. Die Tatsache, dass sie nun quasi einen Partner in Crime hatte, schien es für sie leichter zu machen. Zumindest bildete sie sich das ein. Ulli war zuerst entsetzt, als sie es ihr erzählte. Sie hielt das Ganze für einen blöden und geschmacklosen Scherz. Als sie dann am nächsten Morgen gemeinsam die Fußmatte vor Caros Reihenhaus hochhoben, meinte Ulli nur, jetzt müsse sie es auch durchziehen. Ulli hatte sie in die Stadt gefahren und wartete in ihrem Wagen in der Prinzregentenstraße, unweit vom P1 entfernt. Sie würde also von der Königinstraße wieder durch den Englischen Garten zurück zur Prinzregentenstraße müssen. Was aber zu dieser Uhrzeit nichts Ungewöhnliches war und deshalb nicht weiter auffallen würde. Es waren immer einige vereinzelte Nachtschwärmer um das P1 herum unterwegs. Direkt in der Königinstraße zu parken und im Wagen zu warten, wäre jedoch zu gefährlich gewesen. Am Ende der Königinstraße unweit vom P1 befand sich das Amerikanische Generalkonsulat. Dies war nicht nur mit einem hohen Zaun und einer Unzahl von Kameras abgesichert, sondern es patrouillierte auch in unregelmäßigen Abständen die Polizei dort. Dies gab ihr zwar ein latentes Gefühl der Sicherheit, andererseits erhöhte es aber das Risiko, gesehen zu werden. Die Gefahr, dass man sie anhalten oder gar kontrollieren würde, wäre allerdings nicht sehr groß gewesen. Die Polizei wusste, dass ab Mitternacht viele Besucher des P1 durch den Englischen Garten nach Hause liefen. Aber hundert Prozent sicher konnte man nie sein. Unabhängig davon musste sie anschließend ja noch zum Eisbach, und der lag in der entgegensetzten Richtung. So war es besprochen und sie musste sich exakt an die Vorgaben halten, sonst wäre es zu gefährlich und würde nicht funktionieren. Sie blickte auf ihr Handy. Es war bereits 02:20 Uhr. Was, wenn er nicht kam? Was, wenn er nicht alleine war? Dem Bild nach war es eigentlich ein sehr sympathischer und gutaussehender junger Mann. So jemand ging doch nicht allein ins P1! Was, wenn er dort jemanden kennengelernt hatte? Sie sog die kalte Februarluft tief in ihre Lungen. Je mehr sie über all die möglichen Eventualitäten nachdachte, umso unruhiger wurde sie. Sie solle an das denken, was passiert sei, das würde helfen, hatte man ihr gesagt. So schwer es ihr auch fiel, sie versuchte, sich daran zu erinnern. An das, was sie damals gesehen hatte, als sie ihr Haus betrat. Die Gedanken daran ließen sie zwar nicht ruhiger werden, aber die dadurch entstehende Wut schien ihr Kraft zu geben. Sie blickte wieder auf ihr Handy. Es kam nun schon seit fast einer halben Stunde niemand mehr raus aus dem P1. Sie stand am Ausgang an der Rückseite, der direkt in den Englischen Garten mündete. Jetzt tat sich etwas. Die Tür ging auf und es kam ein Pärchen eng umschlungen und sich küssend heraus. Zittrig zog sie das Bild des Mannes aus ihrer Jackentasche. Das wäre gar nicht nötig gewesen. Sie hatte sich sein Gesicht genau eingeprägt. Sie hatte gestern das Bild gefühlt stundenlang immer wieder angestarrt. Sie kannte mittlerweile jede Pore dieses Gesichts. Die Tür öffnete sich wieder und ein junger Mann kam heraus. Sie blickte kurz in seine Richtung und wusste, das ist er. Ihr Puls beschleunigte sich. Das Klopfen ihres Herzes schlug ihr bis ins Gehirn. Der Mann war mit einem dicken Field Jackett bekleidet. Er zog seinen Schal fester und schlug den Kragen der Jacke hoch. Ohne sich umzusehen, machte er sich zielstrebig auf den Weg Richtung Königinstraße durch den Englischen Garten. Jetzt wurde es ernst. Sie hatte lange überlegt, wie sie es anstellen sollte. Einfach hinter ihm hergehen? Er würde es merken und sich sicherlich umdrehen, wenn er registrierte, dass ihm nachts jemand folgte. Ihn ansprechen aber war auch keine Option. Sie müsste dann mit ihm sprechen. Sie müsste ihn dann ansehen. Nein, das war eine Option, die zwar vielleicht am sichersten gewesen wäre, aber das hatte sie nicht drauf. Angst stieg in ihr hoch. Sie hatte ihn inzwischen weit genug von ihm entfernt überholt, sodass er sie nicht bemerkte, und kam ihm nun auf dem schmalen Kiesweg, der sich durch den Englischen Garten schlängelte, direkt entgegen. Der junge Mann hatte jetzt die Mitte des Englischen Gartens erreicht, der zwischen dem P1 und der Königinstraße nur circa zweihundert Meter breit war. Die Mitte war der optimale Punkt. Jetzt musste alles schnell gehen. Einen Fehler durfte sie sich nicht erlauben. Ein Fehler würde ihr restliches Leben zerstören, wenn nicht gar auslöschen. Sie dachte an Melanie. Das kurze Leben von Melanie zog innerhalb von ein paar Sekunden wie ein Film im Zeitraffer an ihr vorbei. Aber es gab ihr Kraft. Eine Kraft, die sie nicht kannte.

 

Zwei Tage vorher ... Klinik der Universität München für Psychiatrie und Psychotherapie

 

Es war bereits der dritte Tag, an dem er durch den Park, der an das Klinikgelände angrenzte, lief. Diesmal war es kurz nach Mittag. Es pfiff ein eiskalter Wind durch die Stadt. Gefühlte minus zehn Grad. Aber er wollte sie unbedingt. Sie war perfekt. Lange hatte er gebraucht, um sie auszusuchen und um sie ausfindig zu machen.  Monate vergingen. Die Recherchen verschlangen eine Unmenge von seinem kostbarsten Gut: Zeit. Aber jetzt hatte er sie! Er wusste, wo sie wohnte. Es war ein kleines Reihenhaus im Münchner Stadtteil Fasanerie, einer bürgerlichen Wohngegend. Nicht besonders schön, nicht aufregend, aber eben genau richtig für das kleinbürgerliche Münchner Spießertum. Hier kannte man sich noch in der Nachbarschaft. Man half sich, man stritt sich, und da alle irgendwie gleich waren, ähnliche Jobs hatten und auch eine ziemlich identische Lebensphilosophie, fühlten sich alle wohl hier. Zumindest erweckten sie nach außen hin den Anschein. Er hasste diese Kleingeister. Für ihn sahen sie alle gleich aus, aßen alle täglich das Gleiche, fuhren alle die gleichen Autos, hatten alle die gleichen dümmlichen Kinder. Und die wurden alle mit der gleichen Akribie auf ihre Zukunft getrimmt. Ihre Zukunft war die ihrer Väter. Auch sie würden wieder in einer solchen Gegend im Reihenhaus wohnen, sich mit den Nachbarn streiten, sich gegenseitig helfen und so weiter. 

Er kannte mittlerweile ihren genauen Tagesablauf. Das war nicht sonderlich schwer, da jeder Tag gleich ablief und nicht sonderlich spannend war. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Sie stand meist gegen halb acht auf und ging eine Stunde zum Laufen. Mittlerweile hatte sie wenigstens ihre labbrige Jogginghose gegen eine enganliegende moderne Running Tight getauscht. Darüber trug sie meist ein dickes Sweatshirt mit Kapuze. Wenn es zu kalt war, auch noch einen dicken Strickschal um den Hals. Er fragte sich oft, warum sie täglich eine Stunde Laufen ging. Der Figur wegen konnte es nicht sein. Sie war ziemlich schlank. Aber irgendwie musste sie ja ihren Tag rumkriegen. Nach exakt einer Stunde kam sie immer zurück. Verschwand in ihrem Reihenhaus und verließ es meist eine Stunde später wieder, um in ihren Golf zu steigen und in die Stadt in die Klinik zu fahren. Dort hatte sie fast täglich von halb elf bis zwölf Uhr ihre erste Behandlungssitzung. Was da genau ablief, wusste er nicht. Es interessierte ihn auch nicht. Dann war immer eine Stunde Mittagspause. Meist holte sie sich gegenüber nur eine Kleinigkeit zu essen und verschwand dann wieder in der Klinik. Seine Hoffnung, dass sie gerade heute einen Teil der Mittagsstunde im Park nebenan verbringen würde, hielt sich in Grenzen. Die Kälte und der eisige Wind sprachen nicht gerade dafür. Allerdings schien sie nicht sehr kälteempfindlich zu sein. Er hatte sie bereits zweimal im Park sitzen sehen, und da war es eher noch kälter gewesen als heute. Er kam die beiden Male immer einen Wimpernschlag zu spät. Jedes Mal, wenn er sie im Park entdeckte, war sie gerade schon wieder auf dem Weg zurück in die Klinik. Aber heute hatte er ein gutes Gefühl. Er wusste nicht, warum, aber es war da, das Gefühl. Heute könnte, sollte, nein musste einfach sein Tag sein. Er schlug den Kragen seines sündhaft teuren Zegna Mantels hoch. Dieser war am Kragen mit einem kleinen schwarzen Nerzfell versehen. Sah nicht nur gut aus, sondern wärmte auch hervorragend. Er griff in die linke Manteltasche, zog seine Zigaretten heraus und steckte sich eine an. Er strich den Ärmel seines Mantels zurück und blickte auf seine Armbanduhr. Es war 12:18 Uhr. Er konnte heute nur bis knapp Viertel vor eins warten. Dann musste er los. Und er könnte erst wieder in einer Woche kommen. Also musste es heute einfach klappen. Er blies den Rauch in die kalte Februarluft. Wieder blickte er auf seine Uhr. In fünfzehn Minuten musste er los. Er hatte bewusst diesen Ort für seine Kontaktaufnahme ausgewählt. Dort fiel es im Winter nicht auf, wenn man durch den Park lief. Der kleine Park grenzte an das Klinikgelände an und ging vor bis zum Sendlinger Tor Platz. Sommer wie Winter war dort ein stetes Treiben. Es fiel nicht auf, wenn er hier eine halbe Stunde auf- und ablief. Er schnippte die Zigarette in die Büsche und drehte sich um Richtung Klinik. Da war sie! Sie kam direkt auf ihn zu. Sie ging langsam. Vor der Kälte schützten sie dicke MoonBoots und ein fürchterlich hässlicher Steppmantel, der bis über ihre MoonBoots reichte. Das war seine Chance. Gefühlt hatte er viele Wochen darauf gewartet. Was gleich folgen sollte, war in seinem Gehirn fest abgespeichert. Er war auf jede Situation perfekt vorbereitet. Hatte auf jede Frage, die sie stellen könnte, eine plausible Antwort. Es sollte aber nicht sonderlich schwierig werden. Sie war ein eher einfaches Gemüt und er war sehr eloquent. Ein wahrer Meister der Rhetorik. Die Anwaltsrolle, in die er gleich schlüpfen würde, schien ihm hierfür wie gemacht. Er war diesbezüglich wie ein Chamäleon. Er konnte sowohl Penner als auch Millionär. Er passte in jedes Outfit. Er atmete nochmals tief durch und klopfte sich innerlich anerkennend selbst auf die Schulter. Sie war jetzt direkt neben ihm.

>>Caro Henkel?<< Sie erschrak und drehte sich um. Sie sah ihn mit leeren Augen an, in denen nicht mal mehr Platz für Traurigkeit war. Das wusste er und das war seine Chance.

>>Ja. Kennen wir uns?<< Sie standen sich jetzt direkt gegenüber. Ihr kondensierender Atem verschmolz in der kalten Luft miteinander. 

>>Nein, noch nicht. Entschuldigen Sie, dass ich Sie hier so überfalle. Mein Name ist Alexander Kling. Ich bin Rechtsanwalt.<<

>>Und?<< Durch das kurze Stehen kroch die Kälte unter ihren Steppmantel, der aufgrund der billigen Qualität nur wärmend aussah, seinen ihm angedachten Zweck aber anscheinend nicht annähernd erfüllte. Er realisierte das.

>>Lassen Sie uns ein Stück gehen. Rumstehen ist bei dieser Kälte nicht sonderlich empfehlenswert.<< Er lächelte sie an. Sein Lächeln wurde nicht erwidert. Sie starrte ihn nur verwirrt an. Er hakte sich bei ihr unter und ging los. Sie riss sich los.

>>Was wollen Sie?<< ..................

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